FGKH lädt ein zum 10. Wiesbadener Impro-Theater Sommer

von Oliver Grytzmann:

„Für Garderobe keine Haftung“ steht seit Jahren für beeindruckendes Improvisationstheater in der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden und zu den künstlerischen Aushängeschildern des Ensembles gehört der alljährig wiederkehrende Impro-Theater Sommer am Wiesbadener Neroberg. Die Idee hinter dem Konzept, das in diesem Jahr zwischen dem 8. und 27. Juli auf die Bühne gebracht wird, ist so simpel wie ansprechend: während der Wochenenden dieses Monats werden unter freiem Himmel die verschiedensten Impro-Formate aufgeführt, unterstützt von Gastspielern und stimmungsvollen Musik-Acts.

Der Event feiert in diesem Jahr sein 10. Jubiläum in einer ansprechenden Mischung aus Stadtfest und Impro-Theater, und unter der Leitung von FGKH-Spielerin Stefanie Petereit; gespielt wird in der Mulde des Neroberges, die an ein antikes Rundtheater erinnert, umgeben von Zuschauern und kleinen Gastronomien.

Der Autor war am Freitag des zweiten Wochenendes vor Ort und erlebte Impro-Kunst der besonderen ART.

„MordART – Tatort Wiesbaden“ überzeugt mit skurillen Charakteren

Der Impro-Krimi in Langform von FGKH war geprägt von der individuellen Klasse der Schauspieler. Das Ensemble bestand an diesem Abend aus Frederik Malsy, Stefanie Petereit, Tamara Bögle, Claudia Stump und Claus Weyrauther am Keyboard; Stump wurde zum frühzeitigen Mordopfer Trude Staubi auserkoren, einer sensiblen Staubsaugerverkäuferin in der Spielbank Wiesbaden. Im Anschluss an das zeitige Ableben ihrer ersten Rolle übernahm Stump den Charakter der 60jährigen Kommissarin Ingeborg Stolzenfels aus Köln, die mit der Aufklärung des Verbrechens beauftragt war. In beiden Rollen brillierte Stump, die ihre Charaktere im eindeutigen Gegensatz zueinander spielte und diese vor allem in ungebrochener Beständigkeit auf die Bühne brachte. Ihr Impuls als Kommissarin das Publikum in die Lösung des Falls mit einzubeziehen, verschaffte ihrer Rolle nicht nur mehr Tiefgang sondern nutze darüber hinaus die publikumsnahe Atmosphäre des Nerobergs in einzigartiger Weise.

Eine ihrer Spielpartner war in der ersten Hälfte Stefanie Petereit als Anna-Maria Staubi, der Schwester des baldigen Mordopfers Trude. Petereit überzeugte als sozial-ausgegrenzter Croupier der Spielbank, die stattdessen Nähe zu ihren Fischen und Katzen suchte; dabei spielte sie ihre Stärken aus, einer Geschichte stets neue Impulse zu geben und die bereits bestehenden Vorgaben geschickt in ihr Storytelling mit einzubinden.

Hochstatus-Charaktere übernahmen dagegen Frederik Maly und Tamara Bögle. Malsy verkörperte den leidenschaftlichen Yoga-Guru Raash, dessen dunkle Vergangenheit er u.a. im Verschweigen seines tatsächlichen Namens Fritz Bösel zu begraben versuchte. Ihm zur Seite stand die ebenso zwielichtige High Society-Dame Svenja Günthermann, gespielt von Tamara Bögele, die ihren Ehemann Günther Günthermann auf dem Gewissen hatte.

Svenja Güntermann mit Raash

Starke schauspielerische Angebote im raschen Wechsel der Szenen

Beziehungen zwischen den Charakteren entwickelten sich unter Zuhilfenahme von gut gewählten Requisiten (Pelzmantel, ein weißes Heilsbringer-Gewand, etc.) schnell – in mehreren Fällen leider zu schnell. In diesem Zusammenhang wurde Stefanie Petereit durch einen solchen Szenenwechsel in ihrer Rolle als Anna-Maria Staubi geblockt, nachdem sie die Nachricht vom Tod ihrer Schwester durch die Kommissarin Ingeborg Stolzenfels übermittelt bekam. Petereit entging in diesem Moment somit die Chance, die aufkommenden Emotionen ihres Charakters auszuspielen und den Spannungsbogen weiter aufzubauen.

Gut gelang dafür die dargestellte Liebesbeziehung von Trude Staubi (Stump) zu Raash, der an Staubis innerem Ruhepunkt in mehr als nur spiritueller Hinsicht interessiert war. Malsy beeindruckte in diesem Zusammenhang, und während der gesamten Langform, durch seine Fähigkeit, seinem Charakter einzigartigen Tiefgang zu geben. Mit jedem neuen durch Malsy hinzugefügten Element wirkte Raashs Psyche lebendiger und komplexer.

Sinnliches Yoga mit Trude Staubi und Raash

Nach dem mysteriösen Mord an Trude Staubi, und dem Hinzukommen von Kommissarin Ingeborg Stolzenfels, etablierten die Schauspieler geschickt persönliche Motive für die potentielle Mörderrolle ihres Charakters. Der Täter wurde zuvor von Geburtstagskind Pedro aus dem Publikum gewählt, wobei allerdings nur noch der Mörder selbst von seiner kriminellen Identität wusste. Die Spannung bei den meisten Zuschauern und Darstellern wurde also weiterhin aufrecht erhalten.

Anna-Maria Staubi im Verhör von Ingeborg Stolzenfels

Großes Schauspiel trotz unklarer Plattform

In der zweiten Hälfte der Show stellte sich also u.a. heraus, dass Raash zum Alleinerben von Trudes Hinterlassenschaft ernannt wurde, wozu auch die Wohnung gehörte, die Anna-Maria Staubi bewohnte. Der folgende Rauswurf von Staubi durch Raash machte es Petereit möglich, ihren Charakter in seiner entstehenden depressiven Phase weiter mit Raffinesse zu entfalten. Rührend war beispielsweise zu beobachten, wie Anna-Maria Staubi obdachlos durch die Straßen Wiesbadens zog, allein mit ihrem Koffer und Kätzchen unterwegs. Malsy wiederrum betonte mit dieser emotionskalten Entscheidung seine moralisch zweifelhafte Aura, die ihm einen perfekten Grund für den Mord an seiner ehemaligen Geliebten gab.

Tamara Bögle vollzog währenddessen einen geschickten Statuswechsel zwischen ihrer Rolle und der der mittlerweile verstorbenen Trude Staubi. In diesem Zusammenhang minimierte sie den ursprünglichen Hochstatus von Svenja Günthermann zu der schüchternen Staubsaugerverkäuferin, da sich Bögle in einem Monolog als verbrecherische Komplizin von Trude Staubi outete. Der storytechnisch guten Idee eines versuchten Casinoraubes folgte allerdings kein wesentlicher Tiefgang, sodass der Impuls in den kommenden Szenen unterging.

Zwei Welten treffen auf gleiche Interessen – Trude Staubi und Svenja Günthermann

An diesem Punkt war zu spüren, dass die rasch aufeinander folgenden Szenen am Beginn des Impro-Krimis der inhaltlichen Stabilität der Plattform schadeten. Die Charaktere hatten sich vor dem Mord nicht ausreichend etablieren können und somit fehlte es ihnen in der zweiten Hälfte der Show an ausreichend Material zum Ausspielen. Das Ensemble von FGKH kompensierte diesen Nachteil allerdings durch ihre beständig-starken Einzelleistungen und insbesondere Frederik Malsy und Stefanie Petereit stachen in diesem Kontext hervor. Malsy baute dabei seinen Charakter Raash durch die Betonung seiner mutmaßlichen, spirituellen Kräfte weiter aus und sorgte in diesem Zusammenhang für etliche amüsante Szenen – beispielsweise vor dem Grab Trude Staubis als Totenbeschwörer oder im Verhör durch Ingeborg Stolzenfels als Empfänger von Visionen (mit verdeckten Augen). Petereit hingegen vertiefte beeindruckend die persönliche Krise von Anna-Maria Staubi bis hin zum Verlust ihres bisherigen Lebens.

Die Details dieses ungewollten Lebenswandels wurden am Ende der Show aufgedeckt, nachdem eine Pressekonferenz zwischen der Kommissarin Ingeborg Stolzenfels und Frederik Malsy – in einer neuen Rolle als Moderator – die Ereignisse und möglichen Motive der Charaktere in Zusammenarbeit mit dem Publikum erörterte. Es stellte sich heraus, dass Trude Staubi von Raash ein Kind erwartete und dieser sexuelle Kontakt auf übersinnliche Weise ebenfalls Anna-Maria Staubi schwängerte. Der aus Eifersucht geborene Versuch Trudes ihre Schwester zu einer Abtreibung zu bewegen, führte letztendlich zum schicksalhaften Schwesternmord von Anna-Maria an Trude.

Das zum Mörderraten aufgerufene Publikum erkor Anna-Maria Staubi zuvor ebenfalls zu einer von zwei Favoritinnen (zusammen mit Svenja Günthermann), sodass das Ende Show in einem guten Einklang mit den Erwartungen der impro-begeisterten Zuschauer stand.

Insgesamt war es ein beeindruckender Auftritt, der den Neroberg-Besuchern die beachtlichen Stärken der Schauspieler vor Augen führte. Die einsetzende Nacht im abschließenden Drittel der Show tauchte den Veranstaltungsort darüber hinaus in ein Licht- und Farbenspiel, das seinesgleichen sucht. Lust machte ebenso der Vorgeschmack auf die „Pension Maurice“, einer fortlaufenden Impro-Sitcom, die von FGKH regelmässig im Pariser Hoftheater in Wiesbaden aufgeführt wird.

Der Impro-Sommer geht bis zum Ende des Monats weiter, auch mit dem Autoren. Für alle Impro-Interessierten ist der Event ein Muss.

www.improsommer.de

www.fgkh.de

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