Macht den Helden fertig! – Wie Spannung ins Abenteuer kommt

von Stephan Holzapfel:

Ein Held, der lostigert und locker ein Problem nach dem anderen aus dem Weg räumt, ist keine Geschichte wert. Okay, es mag solche Typen geben, Lucky Luke z.B., da fühlte ich mich beim Lesen früher wohl und aufgehoben, weil der fast immer Herr der Lage ist. Spannend ist das aber eher nicht. Das sind lustige Geschichten, die ihre Stärke z.B. in den skurrilen Charakteren haben.

Ein Held braucht also ordentlich Widerstände, an denen er sich abarbeiten muss. Aber selbst wenn er beim Beseitigen schwitzt und stöhnt, reicht das noch nicht.

Ein Held muss scheitern, er muss auf Aufgaben treffen, die zu viel für ihn sind, die ihn umwerfen, bei denen er mit seinem Latein am Ende ist. Was bisher immer funktioniert hat, funktioniert hier nicht mehr. Nur dann ist der „Sieg“ am Ende ein großer, nur dann hat er Bedeutung. Nur dann muss sich der Held verändern, er muss wachsen, sich transformieren.

Wir alle wollen uns verändern

Uwe Walter, Storytelling Coach, meint, dass uns Geschichten wie Krieg der Sterne, Harry Potter und Der Herr der Ringe faszinierten, da es Geschichten sind, die eine Transformation beschreiben, und in Wahrheit wolle jeder von uns transformiert werden. Jeder von uns hege im tiefsten Inneren den Wunsch, sich zu verändern, auszubrechen aus dem alten Trott.

Ob die Theorie stimmt oder nicht, ein Publikum wird eine Heldenreise als befriedigender erleben, wenn der Held auch mal ganz unten war. Für das wann und wie gibt’s massig Möglichkeiten. Zum Beispiel: der Held zieht los, es gelingt ihm nix, er hat’s echt nicht drauf. Doch dann entwickelt er sich, wächst an seinen Aufgaben und hat nach und nach Erfolg. Doch kurz vor Schluss haut’s ihn plötzlich so richtig um, er weiß nicht weiter, es zieht ihm den Boden weg. Und dann – doch noch – mit anderen Mitteln als bisher oder in dem er über sich hinauswächst oder ein großes Opfer bringt, gelingt ihm der Befreiungsschlag und er feiert den Sieg.

Oder: der Held zieht los, alles läuft prima, er kommt seinem Ziel sehr nahe oder erreicht es (scheinbar) sogar. Doch dann kommt der totale Absturz, er verliert alles oder es stellt sich heraus, dass es im Grunde gar nicht um das ging, was er erreicht hatte. Die wahre Aufgabe ist viel, viel größer. Er entwickelt sich und befreit sich langsam aus dem Loch, doch kurz vor dem Ziel scheint er doch noch zu scheitern.

Der Einbruch am Schluss ist für ein dramatisches Finale wichtig, denn sobald die Entwicklung vorhersehbar wird, ist es auch schon langweilig. Wenn das Publikum denkt „Okay, jetzt hat er den Bogen raus“, dann kann er nicht einfach einen Durchmarsch hinlegen.

Der Endgegner

Es ist das Prinzip „Endgegner“ – der Endgegner ist nicht nur ein bisschen schwerer, er ist absolut unvergleichlich schwerer, er ist eine völlig andere Kategorie. Alles, was bisher noch reichte, reicht nun nicht mehr. Z.B. in „Tintenherz“ von Cornelia Funke. Die ganze Zeit kämpfen die Helden gegen eine Bande wirklich mieser, fieser Bösewichter. Doch erst am Schluss stellt sich heraus, dass die noch gar nichts sind gegen den gewaltigen mysthischen, alles verschlingenden Schatten aus grauer Vorzeit, vor dem selbst die Oberbösewichter zittern – dieser Ultrabösewicht spielt in einer ganz anderen Liga.

Echt wirkungsvoll und vielfach erprobt ist auch eine vollständige Niederlage gegen den großen Gegner am Anfang oder in der Mitte der Story. Beim Endkampf schlägt sich der Held zwar deutlich besser, doch es scheint dennoch nicht zu reichen. Bis es dann doch noch die Wendung gibt.

Im Leben passiert bei der Fußball-WM 1954: Deutschland verliert in der Vorrunde gegen Ungarn haushoch. Die Mannschaft wächst, sie kämpft sich ins Finale, wo sie wieder auf die Ungarn trifft, die nach 8 Minuten 2:0 führen – keine Chance für die deutsche Mannschaft. Doch dann fallen die Ausgleichstore und – überraschend kurz vor Schluss – das Siegtor. Großes Kino.

Was hier für äußere Gegner beschrieben wird, gilt im Prinzip genauso für innerpsychische Herausforderungen. Z.B. ein total unsicherer Kerl, der nach und nach an Selbstbewusstsein gewinnt, ein lockerer Typ wird und sein Leben in den Griff bekommt und dann die Frau seines Lebens trifft. Und unsicherer ist als jemals zuvor! Vielleicht hat er die Frau ja auch ganz am Anfang der Geschichte getroffen. Das desaströse Date hat ihn auf die Reise geschickt, sein Leben zu ändern. Als er schließlich ein Frauenheld ist, trifft er wieder seine Traumfrau und merkt, dass bei ihr alles anders ist. Erneut droht ein Desaster, das umso tragischer ist, da er sich doch schon so verändert hat.

Das wirkt, denn wir alle haben am meisten Angst vorm Scheitern, je wichtiger uns etwas ist. Und wenn ein Held mit seinem größten Wunsch zu scheitern droht, ist die Betroffenheit beim Zuschauer am höchsten. Diese Chance sollte sich kein Geschichtenerzähler entgehen lassen! Letztlich geht es darum, diese Angst vor dem Scheitern zu füttern.

Nun sind die oft raffiniert konstruierten Plots aus Literatur und Film mit kollektiver Improvisation schwer zu erreichen, schnell verstrickt man sich in großartige Ideen, die keiner mehr durchschaut. Doch wenn der ganzen Truppe ein paar Grundprinzipen klar sind, können auch auf der Improbühne mitreissende Abenteuer entstehen. Wichtig ist z.B.,

– dass ein Held umso mehr Widerstand braucht, je mehr auf dem Spiel steht.

– dass er wirklich entscheidende Aufgaben niemals beim ersten Versuch bewältigen darf. Und (meistens) auch nicht beim zweiten.

– dass umgekehrt Siege, die er leicht erreicht, niemals bedeutsam oder endgültig sind.

– dass der Held gerade, wenn er ganz oben ist, nach ganz unten muss.

– dass die alles entscheidende Prüfung kurz vor Schluss stattfindet, und die den Helden wirklich an den Rand bringt.

Sei ein Improheld, geh ins Risiko!

Beim Impro haben sogar wir die Chance, doppelt Spannung zu erzeugen, wenn wir den Helden gegen Ende in eine wirklich aussichtslose Lage bringen. Jeder denkt „wie soll er denn da wieder heraus kommen?!“. Und nicht nur das Publikum – auch die Spieler denken das! Da ist wirklich Spannung im Saal. Spannung, wie die Geschichte endet und Spannung, ob und wie die Spieler eine Idee haben. Und wenn man keine Angst davor hat, fällt plötzlich tatsächlich jemand etwas ein.

Und wenn nicht? Neulich hatte bei unserer Show wirklich kein Spieler mehr eine Idee. Da kam die alles entscheidende Lösung aus dem Publikum – ungefragt. Die Show davor brachte die Wendung eine Nebenfigur, die keiner mehr auf der Rechnung hatte. Übrigens ein Kniff, der schon von unzähligen Drehbuchautoren angewandt wurde. Wichtig ist aber nicht, dass man jedes Mal einen supergeilen Schluss zaubert. Wichtig ist, dass man das Spiel wagt – wie ein echter Held eben.

Stephan Holzapfel

Stephan Holzapfel

Stephan Holzapfel spielte lange bei den Unverhofften "Superheroes - nie waren Helden nötiger!".
Stephan Holzapfel

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