Weltuntergang in Unterfranken beim Würzburger Improfestival

von Oliver Grytzmann:

WÜRZBURG – Die Maschinenhalle auf dem Würzburger Bürgerbräu-Gelände ist in schwaches Licht getaucht. Schon dieser Eindruck vermittelt dem Besucher ein unheimliches Gefühl, und die Ausstattung des Raumes verstärkt dieses beklemmende Empfinden: fremdartig anmutende Elektronik ist an den Wänden installiert, die hohen, glaslosen Fenster sind mit Pappe und Wellblech verschlagen. Das Gebäude lässt jeden wissen, dass es verwaist ist. Der Eindruck ist gewollt und versprüht einen besonderen Charme. Die anstehende Impro-Show nimmt die düstere Stimmung willkommen auf und untermalt sie: auf der langezogenen Bühne sind Feldbetten platziert, die nahezu verlassen dort abgestellt eine unbequeme Trostlosigkeit verbreiten. Ein unscheinbares Radio gesellt sich zum Bühnenbild, daneben zeugt Kunstblut weiter von dem Impro-Zombie-Horror der vorangegangenen Nacht.

Das 12. Würzburger Improfestival ist bereit für seine apokalyptische „Ende der Welt“-Show – einer Kreation von Patti Stiles, die den Untergang des Erdballs auch an diesem Abend als Regisseurin begleitet. Ihr zur Seite steht ein neunköpfiges, internationales Impro-Ensemble, das u.a. aus Nadine Antler (Die Kaktussen, Würzburg), Matt Baram (National Theatre of the World, Toronto), Amy Shostak (Rapid Fire Theatre, Vancouver) und Felipe Oritz (PICNIC, Bogotá) besteht. Der abschließende Abend des Festivals führt so die beiden Highlights des Wochenendes erneut zusammen: hochklassige Schauspieler treffen auf eine einzigartige Kulisse. Die entstehende Darbietung bleibt im Gedächtnis, weil sie das Impro-Theater mit einem cinematischen Glanz verziert.

Die Bühne ist dem Weltuntergang bereitet
Die Bühne ist dem Weltuntergang bereitet / Foto: Grytzmann

Kino-Feeling bricht sich gleich zum Auftakt der Show seine Bahn durch die Maschinenhalle. Schwer dröhnend erklingt Sirenenlärm und nicht minder laut strömen die Charaktere durch eine Tür auf die Bühne. Es wird hell und zunächst still. Der Schock eines unbekannten ABC-Angriffes steht unverkennbar im Raum. Die Bühne wird zum Bunker, der einer Nachbarschaft Zuflucht vor dem sicheren Tod gewährt.

Die Charaktere zeugen von der Hektik einer unvermittelten Panik: in Unterhose stehen sie da, alternativ in einen Pyjama gekleidet oder mit aufgeknöpftem Hend, eine nackte Männerbrust enthüllend. Fabelhaft wird in der Folge eines der wesentlichen Elemente des Apokalyptik-Genres auf der Bühne eingefangen: es geht um Individuen, die mit ihren grundverschiedenen Eigenschaften zu einer gemeinsamen Lösung in dieser Katastrophe kommen müssen. Die Charaktere sind vielversprechend: wir sehen die von ihrem Mann (Torsten Voller, Steife Brise, Hamburg) entfremdete Ehefrau (Antler), den Respekt einfordernden Vater (Baram), der seine Tochter (Shostak) mit seiner selbstzentrierten Art von sich abstößt. Das konfrontative Element hält hier Einzug in das Storytelling, indem der vorurteilsbehaftete Baram in eine Auseinandersetzung mit den beiden kulumbianischen Charakteren (Ortiz, Daniel Orrantia) gerät, wobei Ortiz zugleich als heimlicher Vater von Shostaks werdendem Kind in Erscheinung tritt.

Neue Verständnisräume in die Seelen der Charaktere

In der folgenden Stunde vollbringen die Schauspieler das Kunststück, ihre Charaktere in einem gemeinsamen Wir zu verschmelzen. Ein klarer Fokus entsteht auf der Bühne, jeder Darsteller kennt zu jeder Zeit seine Rolle, tritt zum passenden Moment in den Vordergrund und bietet anschließend wieder Raum für andere Figuren. Die Ausgangslage wird in einem Gemeinschaftsakt nahtlos ausgespielt und logische Konsequenzen aus ihr gezogen. Patti Stiles steuert ihr einzigartiges Gespür bei, der Geschichte an passenden Stellen neuen Imput zu verleihen. Das Radio wird so in die Story eingebaut, indem es eine verzerrte Notfall-Übertragung der Regierung überträgt. Bomben fallen im Hintergrund und das nahende Geräusch eines Helikopters schafft ein Zeichen der Hoffnung.

Als Highlight tritt Ben Hartwig (Taubenhaucher, Köln) hinter der Bühne lautstark in Erscheinung. Er spielt einen Überlebenden, der hinter der Tür des Bunkers um sein Überleben schreit. Die Charaktere im Inneren zerfallen erneut in ihre Fraktionen und haben die Entscheidung zu treffen, ob sie mit der Rettung von Hartwigs Charakter ihr eigenes Leben auf’s Spiel zu setzen. Die Tür bleibt im Endeffekt verschlossen, dem Zuschauer eröffneten sich in dieser Szene allerdings neue Verständnisräume in die Seelen der Charaktere.

Zu viel für nur eine Stunde

Matt Baram im Zentrum des Apokalypse-Dramas
Matt Baram im Zentrum des Apokalypse-Dramas / Foto: Grytzmann

Die Erwartungshaltung an die Show stieg demnach dramatisch mit jeder Minute. Mit jedem Moment wurde allerdings auch klar, dass eine einzige Stunde zu wenig Raum für dieses Format bot. Mit dem Schlag der 60. Minute war die Plattform lange schon fest und schlüssig etabliert und erste Konfrontationen waren im Begriff ihre volle Entfaltung zu erlangen; insbesondere Matt Baram und Felipe Ortiz brachten die Rahmenhaltung gekonnt voran und überzeugten eindrucksvoll durch die Körperlichkeit ihres Schauspieles. Ihre Charaktere waren nicht nur in ihren Köpfen, sondern zeigten sich auch in jeder Geste dem Publikum.

Plötzlich fiel Dunkelheit über die Bühne – man glaubte, die Pause sei somit eingeläutet. Im Gegenteil stand das Publikum stattdessen dem unerwarteten Ende der Show gegenüber, das den Zuschauern ihr hauptsächliches Promise verwehrte. Die Apokalypse hing demnach als Bedrohung über dem Erwartungshorizont, sie verkam im Endeffekt allerdings zum Nebenschauplatz im Alltagskrieg der Protagonisten. Was war genau geschehen? Was führte zu der Attacke und durch wen? Würden die Charaktere überleben oder die Konsequenz der ABC-Attacke mit ihrem Leben bezahlen? Fragen, die unausgesprochen im Raum stehen blieben, eingebettet in Charaktere, die ihre Geschichte nicht zu Ende erzählen konnten.

Weltuntergangsstimmung im Bunker
Weltuntergangsstimmung im Bunker / Foto: Grytzmann

Impro auf Hochniveau

Trotz dieser Enttäuschung überwogen die positiven Elemente. Die Maschinenhalle sah Impro auf Hochniveau. Die Szenen waren langsam und bauten allein durch ihr angenehmes Tempo Spannung auf. In dieser Ruhe entstand die Möglichkeit, sich in die Charaktere hinein zu fühlen und mit ihnen ihre Heldenreise zu begehen. Den Würzburger Organisatoren ist außerdem für einen grandiosen Rahmen in einem beeindruckenden Festival zu danken. Nicht nur beim „Ende der Welt“ stimmten schließlich die Kulisse und die Stärken des Ensembles. Mit dieser Macht an Eindrücken bewies das unterfränkische Improfestival auch in diesem Jahr, dass es zu den Highlights des Impro-Kalenderjahres zählt.

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