Impro 2014: Play with us – Zirkeltraining in der Markthalle IX

Impro 2014BERLIN – Am Sonntag den 23. März 2014 bot die Impro 2014 ein echtes Experiment. Unter dem Titel „Play with us“ waren Interessierte eingeladen mit Teilen des Ensembles zu spielen. Das Zuschauer auf die Bühne geholt werden, ist nicht neu, aber bei diesem Format gab es kein Publikum. An fünf Stationen in der Marktzhalle IX in Kreuzberg warteten Ensemblemitglieder des Festivals auf die zwei oder drei Gäste, mit denen sie in 15 Minuten ins Spiel kommen sollten. Auf Signal wurden die Stationen gewechselt – sozusagen ein improvisierendes Speeddating oder Zirkeltraining.

Impro-News.de war mit den vier Autoren Claudia, Susanne, macro und Thomas vertreten. Um den vielen Eindrücken gerecht zu werden, geben wir den vier Perspektiven ihren Raum. Natürlich auch im Zirkel:

Station 1 – Körperteile führen durch den Raum mit Eugen Gerein

macro: Claudia und ich begannen mit Eugen Gerein (Koenigs International, Heidelberg, Deutschland) zu spielen. Eine Hoztreppe mit größerem Balkon war die Spielstätte. Eugen wollte führende Körperteile als Inspiration für die Charaktere. Die sehr ungewöhnliche Örtlichkeit auf den Treppenstufen prägte ebenso die Szene. Eugen brachte die Story über eine sehr leere Party mit zwei sehr unterschiedlichen und gut unterscheidbaren Figuren in Gang.

Station 2 – Yes And … Strangers lernen sich kennen mit Calle Stenlund

macro: Die Station mit Calle Stenlund (Ad lib improviserad teater, Stockholm, Schweden) transformierte die örtliche Gegebenheit für unsere Szene in ein Cafe und Biergarten. Einzige abgesprochene Vorgabe war, die Figuren nicht gleich zu definieren, sondern erst einmal ganz langsam und behutsam in die Szene zu kommen. Dabei waren wir Fremde, was ja oft eher vermieden wird, da es Zeit kostet, eine gemeinsame Basis zu finden. Dennoch waren die Erstkontakte zwischen den beiden Gästen und der Bedienung sehr schön wahrhaftig und unaufgeregt. Mit der Zeit wurden Schritt für Schritt die Figuren erschlossen, Beziehungen gebildet. Es war vor allem großes akzeptieren und weiter entwickeln – also klassisches Yes And. Die Ruhe der Szene gefiel mir, ebenso mit Schnitt und Zeitsprung dann die Weiterentwicklung.

Station 3 – Wo ist Marc? und Wo ist Die Tasche? mit Farah Shaer

Thomas: Für meine kleine Gruppe war dies die letzte Stadtion der Runde. Wir hatten uns gut warm gespielt und brauchten doch einen Moment, um zu begreifen, dass es hier kein Hallo und Vorgespräch gab. Farah Shaer (Impro Beirut, Libanon) warf uns mit den Fragen „Wo ist Marc?“ und „Wo ist die Tasche?“ sofort ins Spiel. Meine beiden Mitspielerinnen (Mutter mit Tochter) ließen sich schnell ein und es entspann sich eine Gangstergeschichte. Das Hin und Her der Vorwürfe machte Spaß: „Ihr habt Marc gekillt.“, „Wo ist die Tasche mit den 500.000€?“ oder „Warum bezahlst Du uns nicht?“ Leider blieb die Szene ungelöst, denn das Zeitlimit stoppte uns und wir standen inhaltlich am Anfang. Das Spielen hatte hier Spaß gemacht, aber die Improerfahrung verpuffte für mich.

Station 4 – Guter Flow im Ratespiel mit Wolfgang Lüchtrath

Claudia: An der für uns letzten Station haben macro und ich mit Wolfgang Lüchtrath von The Koenigs International aus Köln gespielt. Da ich vorher noch schnell die Toilette besuchen musste, hatten die beiden bereits etwas „ausgeheckt“, von dem ich nur mitbekam, dass sie Rechtsanwälte waren. Anschließend stiegen die beiden ad hoc mit mir in eine Szene ein, und mir wurde schnell klar, dass die Männer „eine Mission“ hatten und ich möglicherweise erraten müsste, was diese Mission sei (ähnlich wie bei Formaten wie „Reklamation“ oder „Experte“). Tatsächlich versuchten die beiden mir in der Rolle gewiefter Anwälte, eine Villa abzuluchsen, womit sie jedoch scheiterten. Mir hat das Spielen viel Spaß gemacht und ich fand, wir drei hatten einen guten Flow. Da wir nach etwa zehn Minuten mit der Szene fertig waren, wollte Wolfgang uns noch ein Gedicht schenken. Wir entschieden uns dann jedoch dafür, zu dritt zu reimen.

Station 5 – Figuren und Storytelling Björn Harras

Susanne: Die Station von Björn Harras (Die Gorillas, Berlin) war nicht – wie die anderen bei meiner Runde – primär durch die Inspiration und Nutzung des Raumes geprägt, sondern fokussierte auf Figurenausstattung und Stoytelling. Zunächst wurden zwei Spieler mit Charakterzügen und körperlichen Merkmalen ausgestattet. Anschließend wurden die beiden soeben kreierten Figuren im Einzelinterview weiter ausstaffiert, bevor sie schließlich szenisch aufeinandertrafen. Mittels Rückblenden und Sidekicks kreierten und durchleuchteten wir die Welt der »Heldin«. Björn nahm dabei die Rollen sowohl des Regisseurs als auch Spielers für mehrere Nebenrollen ein. So ist es ihm gelungen, das Gefälle der vorliegenden Impro-Erfahrung (Impro-Novizen bis Impro-Erfahrene) auszugleichen und aus der Szene eine runde Sache zu machen.

Die Fazits:

macro: Schöne Szenen spielen und sich schnell mit ganz unterschiedliche Settings und Mitspieler orientieren macht den Charme von Play with us. Und man spürt die Internationalität, was sehr spannend ist.

Claudia: Mich beschäftigte noch die Frage, warum das Ganze in der großen Markthalle stattfand, hätte nicht auch jeder x-beliebige Proberaum dafür getaugt? Ich denke nicht. Der Vorteil der Markthalle war eben ihre Größe, die es ermöglichte, dass man von den anderen Gruppen so gut wie nichts mit bekam, was ich persönlich als angenehm und hilfreich empfand. Insgesamt fand ich „Play with us“ eine interessante Erfahrung, bin mir jedoch nicht sicher, ob ich es noch einmal machen würde.

Thomas: Eine schöne Idee, dieses Speeddating für Improvisierer. Man wurde schnell auf seinen „Ja, und-Reflex“ zurückgeworfen. Hier galt es schnell sich anzupassen, das Gegebene zu akzeptieren und ins kalte Wasser zu springen – also Improvisation pur. Dennoch fühlte ich mich nach der Stunde dann doch wieder am Anfang, denn im Gegensatz zum Speedating hatte ich nicht einmal eine Telefonnummer in der Hand.

Susanne: Die Idee, Zuschauer in die Show einzubinden und nach dem Zirkeltraining-Prinzip als Mitakteure von »Bühne« zu »Bühne« wandern zu lassen ist toll und bringt viel Spaß – zumal die vielseitigen Räumlichkeiten in der Markthalle IX ein hohes Inspirationspotential haben. Letztlich hätte ich persönlich mir eine homogenere Gruppe gewünscht. Kurz zum Hintergrund: In unserer Session mussten wir uns vor Spielstart von den Zweier- in Dreierteams umorganisieren. Meine beiden neuen Mitstreiterinnen hatten keine Impro-Erfahrung. Sie sind die Sache zwar mit viel Spaß und offener Neugierde angegangen, aber ein fließendes und herausforderndes Spiel, das den Erfahrungsschatz erweitert, konnte so nicht stattfinden.

Claudia Hoppe
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Claudia Hoppe

Claudia Hoppe spielt seit 2009 Improvisationstheater und ist Mitbegründerin der Improbanden. Sie unterrichtet seit 2013 Improvisationstheater in ihrer eigenen Impro-Schule und in Unternehmen und unterhält einen Improtheater-Podcast. Webseite: claudiahoppe.com
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2 Gedanken zu „Impro 2014: Play with us – Zirkeltraining in der Markthalle IX

  1. Interessant finde ich, dass Farah Shaer offenbar mit jeder Gruppe das gleiche gespielt hat: Warum kommt Ihr zu spät? Wo ist Marc? Habt Ihr die Tasche? – mich würde sehr interessieren, in welcher Hinsicht und in welchen Punkten sich das Spiel in den unterschiedlichen Gruppen unterschied, und was vielleicht gleich war.

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