IMPRO 2011: Lohnt sich die Arbeit mit berühmten Theaterautoren?

von Stephan Holzapfel:

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Am letzten Samstag (26.03.11) fand im Ratibortheater die zweite Podiumsdiskussion des internationalen Festivals für Improvisationstheaters statt. Die (sehr schwach besuchte) Veranstaltung beschäftigte sich mit der Frage, ob es sich gelohnt hatte, Impro-Shows im Stile bekannter Theaterautoren zu gestalten.

Ich habe wieder versucht, die wichtigsten Aussagen zusammenzufassen. Außerdem kann hier die gesamte Diskussion nachgehört werden.

[audio:http://www.berlinimpro.de/Diskussion260311ganz.mp3|
titles= Mitschnitt Podiumsdiskussion]

[Link zur Audiodatei]

Es diskutierten:

Thomas Chemnitz, Gorillas (Gesprächsleitung)

Barbara Klehr, Gorillas (Leiterin des „Büchner“-Workshops)

Per Gottfredsson, Stockholms Improvisationsteater (Leiter des „Strindberg“-Workshops)

Matthieu Loos, Compagnie Combats Absurdes, Strasbourg (Leiter des „Ionesco“-Workshops)

Mehr Raum und Zeit auf der Bühne

Alle beteiligten Improspieler beschrieben die Arbeit mit den Theaterautoren als bereichernd. Vor allem die Möglichkeit, längere Szenen zu spielen, sich Zeit zu nehmen, mehr Raum für sich und die Mitspieler zu haben und längere Sätze sprechen zu können, hätten sie als positiv empfunden. Barbara Klehr beschrieb, dass die Spieler stärker berührt worden seien als durch die sonstige Improarbeit und glaubt, dass das auch auf die „normalen“ Improshows zurückwirken wird.

Weniger Zuschauer

Der Publikumszuspruch sei allerdings geringer gewesen als sonst, wobei ein Teil des Publikums begeistert gewesen wäre, ein anderer Teil hätte nichts damit anfangen können. Manche wären überrascht gewesen, plötzlich in einer ganz anderen Improshow zu sitzen. Einig war man sich, dass hier Informationen im Vorfeld wichtig seien, das Publikum solle wissen, was es zu erwarten habe. Wenn man ins Kino ginge, würde man sich ja auch bewusst für ein Drama oder eine Komödie entscheiden. Es kam der Verdacht auf, dass manche Zuschauer weggeblieben seien, weil sie das Gefühl hatten, sich mit den Theaterautoren zu wenig auszukennen. Etwas mehr Informationen z.B. im Programmheft wären wohl sinnvoll gewesen.

Barbara Klehr äußerte die Überzeugung, dass die Leute herbeigeströmt wären, wenn z.B. Thomas Ostermeier so ein Projekt an der Schaubühne veranstaltet hätte.

Per Gottfredsson meinte, dass man dem Publikum evtl. nicht nur sagen sollte, was man macht, sondern auch warum. Er berichtete, dass sein Ensemble vor Jahren eine „Backstreet“-Show entwickelt hatte (über die zwielichtigen Straßen von Stockholm), die die Spieler sehr mochten, aber es seien keine Zuschauer gekommen. Seitdem würden sie sehr über die Präsentation einer Show (z.B. Postergestaltung, Name) nachdenken. Es sei aber auch wichtig, dass man das spielt, was man selber wolle, als Improspieler müsse man stärker als andere Schauspieler mit dem arbeiten, was in einem selber sei, den eigenen Fragen, der eigene dunkle Seite usw.

Mathieu Loos (r.) bei der Ionescoaufführung - Foto: Impro-News

Matthieu Loos bestätigte dies. Das könnten die Improspieler auch den Theaterautoren hinzufügen: die eigene Sicht, das eigene Gefühl im Moment der Aufführung.

Sein Ziel sei es die Leute zu berühren, dass sie durch die Show verändert werden, weil man gemeinsam etwas teilt, was wahr ist. Und Lachen könne genauso wahr sein, er würde die kurzen wie die langen Formen mögen und das Publikum genau so gerne zum Lachen wie z.B. zum Nachdenken bringen.

Lang, aber lustig

Matthieu Loos sah kein grundsätzliches Akzeptanzproblem von Langformen, seine Gruppe würde zu Hause ein Festival mit neuen Langformen veranstalten, was sehr gut besucht sei. Vor kurzem hätten sie eine Langform vor 1600 Zuschauern gespielt, allerdings kein Drama. Strindberg und Büchner seien ja für Tragödien bekannt, hätte man Komödienautoren gewählt, wären wohl mehr Leute gekommen. Thomas Chemnitz bestätigte, dass das nicht nur beim Impro schwierig sei, Dramen würden an den renommierten subventionierten Theatern funktionieren, aber kleinere Bühnen hätten hier ebenfalls Probleme. Barbara Klehr schlug ein Abo-System auch fürs Improtheater vor, denn wer ein Abo habe, gehe auch in Vorstellungen, bei denen er nicht genau wisse, was passiere.

Strindberg im Theatersport?

Ob auch eine Theatersport-Show mit Szenen inspiriert von Dramatikern möglich sei, sah Barbara Klehr kritisch. Tendenziell würde der Wettbewerbscharakter den „Gag-Muskel“ aktivieren. Sie beschrieb das Problem, dass man Lachen hören könne, eine andere Art des Berührtseins jedoch nicht, was die Spieler unsicher mache, ob die Show gut ankomme. Sitze sie im Publikum, spüre sie, auf welche Art die Leute berührt seien, doch da man es nicht höre, müssten die Schauspieler ihrem eigenen Gefühl vertrauen. Berührt es mich? Dann berührt es auch die Zuschauer. Matthieu Loos sah das ähnlich, die Künstler müssten sich für das interessieren, was sie tun, dann würde auch das Publikum kommen.

Per Gottfredsson meinte, in einer „normalen“ Improshow würden sie zu viel daran denken, was man glaube, dass das Publikum wolle.

Bezüglich Dramatiker in Theatersportshows erzählte er von der „Survivor“-Show seines Ensembles: mehrere Geschichten würden angespielt, nach jeder Runde wähle das Publikum eine Geschichte ab, bis zum Schluss nur eine „überlebe“. Würden hier Strindberg oder Bergmann-Szenen gespielt, würden sie immer gewinnen. Je echter und dunkler sie die Geschichten spielten, desto mehr möge sie das Publikum. Das läge möglicherweise daran, dass man beim Drama mehr wissen wolle, wie es ausgehe als bei komischen Szenen. Barbara Klehr vermutete, dass die ernsten Szenen gut ankamen, weil sie eine Abwechslung in einer ansonsten heiteren Show waren. Per Gottfredsson meinte allerdings auch, dass in einer guten Strindberg-Show durchaus viel gelacht werde.

Impro verbessert das Original

Als sie kurz vor dem Festival ihre Strindberg-Show in Schweden gespielt hätten, wäre anschließend eine Frau zu den Spielern gekommen, die sich schon sehr mit Strindberg befasst hatte. Sie meinte durch die gespielten Szenen aus Strindbergs Leben (wie sie hätten passiert sein können) hätte sie den Autor endlich richtig verstanden. Das sei vielleicht auch eine Stärke des Improtheaters, meinte Gottfredsson: Strindberg verständlicher machen, vielleicht sogar besser, weil kürzer, konzentrierter.

Barbara Klehr meinte, dass bei einer normalen Inszenierung das Ganze ja nur durch einen Kopf, den des Regisseurs gehe, beim Impro seien aber viele beteiligt. Im Prinzip könne Impro so vielschichtig sein wie ein geschriebenes Stück, meinten alle, allerdings brauche es viel Übung, außerdem Zeit, um sich über die verschiedenen Sichtweisen der Spieler zu verständigen.

Mehr Zeit zum Forschen

Das Ergebnis der Arbeit mit den Autoren wurde im Prinzip als gelungen beschrieben, wobei alle gerne mehr Zeit gehabt hätten, um zu erforschen, was noch möglich sei. Per Gottfredsson würde z.B. gerne probieren, die Show offener zu spielen, und Strindberg als Inspiration für heutige Geschichten zu nehmen.

Barbara Klehr hatte bezüglich der Büchner-Show ebenfalls den Wunsch nach mehr Offenheit. Sie meinte, dass sie den Fehler gemacht hätten, zu viel Struktur hineinzubringen, was den Spielern teilweise das Vertrauen in ihre eigenen Ideen genommen hätte. Sie fand die Tragödie im ersten Teil meist sehr gelungen, die Komödie nach der Pause aber deutlich schwächer, sie hätten die Komödie nicht richtig ernst genommen, was auch daran gelegen habe, dass sie hier weniger Vorbereitungszeit investiert hätten. Aber auch Büchner habe die Komödie nicht so ernst genommen, die Tragödie sei typischer für ihn. Die ursprüngliche Idee bei der Arbeit mit Büchner sei gewesen, eine Sprache zu entwickeln, die als sein Tonfall wiedererkannt werden könne, im Laufe des Prozesses hätten sie aber ein bisschen das Vertrauen verloren, dass das ausreiche.

Ionesco bringt Intensität

Am begeistertsten zeigte sich Matthieu Loos, der Ionesco vorbereitet hatte. Sein Ensemble hätte ganz neue, intensive Erfahrungen gemacht. Marc, ein Spieler seines Ensembles hätte nach der Show z.B. 2 Std. gebraucht, um wieder er selbst zu sein. In dem Stück wollte er etwas zu seiner Frau sagen, um sein Leben zu ändern, doch die anderen Spieler hatten die Aufgabe, dies zu verhindern. Nach der Show brodelte es in ihm und er rief: „Ich muss es jetzt sagen, hört mir zu!“ Er meinte, die Show sei großartig gewesen, aber auch sehr hart.

Matthieu Loos erzählte, anders als viele glaubten, sei Ionesco nicht einfach absurd oder lustig. Er versuche, universelle Themen darzustellen, vor allem die Angst vor dem Tod und die Schwierigkeiten der Kommunikation. Es sei eine große Herausforderung gewesen, bei so einem universellen Thema zu bleiben und nicht zu versuchen, Geschichten und komplizierte Beziehungen zu entwickeln.

Ein weiterer Aspekt von Ionescos Theater sei, mehr Freiheit zu haben, etwas auszudrücken. Ionesco versuchte es mit der Dekonstruktion von Sprache, mit Gedichten, Bewegungen, surrealen Mitteln, was bis zum Äußersten gebracht würde. Sie hätten z.B. ausprobiert, dass ein Spieler einen anderen etwas fragen möchte. Niemand  wusste was, warum und wer die Personen sind. Einfach nur dieses „ich will etwas von dir“ 20 Minuten durchzuhalten, dran zu bleiben, es groß zu machen, das sei sehr anstrengend, aber man könne neue Ausdrucksmöglichkeiten finden, um fundamentale Gefühle auszudrücken und das Publikum zu berühren. Matthieu Loos räumte allerdings ein, dass sie noch nicht ganz die angestrebte Freiheit erreicht hätten.

Ein Regisseur im Improtheater

An der Arbeit mit Ionesco gefiel ihm auch, dass er dabei wie an eine klassische Theaterproduktion herangehen konnte. Er hat sich z.B. gezielt Leute für bestimmte „Rollen“ ausgesucht und in der Vorbereitung mit einem Theaterregisseur gearbeitet. Er vermisse beim Impro manchmal diese Möglichkeiten. Ihm gefiel, nicht nur ein Format festzulegen, in dem dann alles passieren kann, sondern darauf hinzuarbeiten, etwas Bestimmtes zu sagen. In der Show sei dann z.B. klar gewesen, dass es um die Angst vor dem Tod gehen würde und welcher Spieler die Figur desjenigen spiele, der am Ende stirbt. Offen sei der Weg dorthin gewesen.

Während der verschiedenen Shows habe manchmal der jeweilige Workshop-Leiter Regieanweisungen gegeben. Thomas Chemnitz würde so etwas gerne weiter entwickeln. Dass ein Improspieler Schauspieler, Autor und Regisseur zugleich sein müsse, sei manchmal etwas zu viel. Einen Live-Regisseur zu haben, der gelegentlich Hinweise gibt (zum Verlauf der Geschichte, aber auch zu Details) sei auch für das Publikum spannend, denn das sei Theaterarbeit, die es normalerweise nicht zu Gesicht bekäme.

 

Die Gorillas improvisieren im Stile von Büchner
Die Gorillas improvisieren im Stile von Büchner - Fotos: Gorillas
Stephan Holzapfel

Stephan Holzapfel

Stephan Holzapfel spielte lange bei den Unverhofften "Superheroes - nie waren Helden nötiger!".
Stephan Holzapfel

5 Gedanken zu „IMPRO 2011: Lohnt sich die Arbeit mit berühmten Theaterautoren?

  1. Ich denke auch, dass „Aufklärung“ im Vorfeld eventuell hilft, das richtige (d.h. interessierte) Publikum anzusprechen.

    Ein anderer Impuls, den ich hatte (möglicherweise nicht ganz neu): Anstatt sich einen berühmten Dramatiker zum Vorbild zu nehmen, könnte man auch einen berühmten Regisseur nehmen – Quentin Tarantino, Woody Allen, Wim Wenders. Vielleicht hat das Publikum dann einen stärkeren Bezug dazu, weil es eben Popkultur ist, die die meisten kennen. Ich selbst hatte – außer von Büchner – noch von keinem der Autoren auch nur den Namen vorher gehört. Insofern glaube ich auch: Die Leute wussten nicht, was sie erwartet, wenn sie die Dramatiker nicht kannten. Der Wiedererkennungswert spielt bei sowas ja eine große Rolle (für mich zumindest), weil das Publikum sich dann mit einbezogen fühlt („Kennick – hamse jut jemacht.“).

  2. @Claudia – Woody Allen wäre für diese Arbeit tatsächlich ein schöner Einstieg, da er AUCH Theaterautor ist. Viele Motive/Sachen die in seinen Stücken teils recht speziell sind tauchen in den Filmen leicht bekömmlich auf.
    Wobei der Nutzen vielleicht eher fürs Ensemble wäre, da Woody dem breiten Publikum auch nicht sooo nahe ist, obwohl seine Stücke klasse sind!

  3. … ich stelle halt immer wieder fest (okay, die Stichprobe auf der meine Beobachtung beruht ist sehr klein 🙂 ), dass Langformen eher gerne von Leuten gesehen werden, die selber (schon länger) Impro spielen. Impro-Neulinge oder sogar „unbedarfte“ Zuschauer schauen lieber das Game-Format. Und wenn man mit etwas „gefälligeren“ Autoren arbeitet, könnte man vielleicht einen Kompromiss erzielen, der beide Seiten zufrieden stellt (so die Idee dahinter).

  4. @ Claudia: Ich denke aber auch hier ist es wieder die Erwartungshaltung. Oft sagen mir Leute, dass sie sich unter Impro etwas ganz anderes vorgestellt hätte. Sie brauchen dann oft ein wenig, um zu verstehen, dass es auch andere Formen als Schillerstraße und Freischnauze XXL gibt.

    Wir brauchen die große Impro-Aufklärung. Kant und Kolle!

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